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Guča: Musikfestival mit nationalistischer Prägung

Man kennt das ja aus unseren Breiten. Volkstümliche Folklorefestivals sind geprägt von Trachten und anderer traditioneller Kleidung und haben immer einen starken Bezug zur Volkskultur des jeweiligen Landes. Das ist auch in  Serbien so und doch irgendwie anders. Das Musikfestival in Guča wurde mir von Ivan, einem Serben mit bayrischem Akzent, als Woodstock des Balkans erklärt, nur dass Guča jedes Jahr stattfinden würde. Dem größten Trompetenfestival Europas fehlen jedoch genau jene Werte für die Woodstock eigentlich steht. Die Ideale der 60er Jahre wie Multikulturalität und Love & Peace, vermisst man nämlich hier weitgehend. Zwar gibt es zahlreiche Gäste aus allen Ecken Europas, die nationalistische Prägung der serbischen Kultur, wie auch jeder anderen in der Region, bricht jedoch in der alkohol-geschwängerten Atmosphäre dieses volkstümlichen Festivals vollends durch.

Militärische Kleidung, serbische Fahnen und T-shirts mit dem Konterfei des in Den Haag angeklagten Ratko Mladic prägen das Straßenbild der Kleinstadt. Dazu kommen gerufene Chetnik-Parolen und Gesten wie die drei gespreizten Finger, die auch stolz in die Kamera gezeigt werden. Dabei handelt es sich weder um eine Bierbestellung, noch um den Kühnengruß der Neonazis. Hierzulande handelt es sich um den Gruß der Chetniks, angesichts deren Vergangenheit eine nicht mindere Provokation.

Diese Stimmung trübt für einen Ausländer das Guča-Gefühl der ausgelassenen Party. Als Ausländer macht man entweder bei den Parolen oder Gesten mit oder wird sofort als Nicht-Serbe erkannt. Ein Merkmal das ich gerne in Kauf genommen habe. Denn als Ausländer erkannt, wurde von den betrunkenen Gästen jedes Gespräch sofort auf die politische Ebene gezerrt. Serbien sei das einzige Opfer am Balkan, erklärte man. Der Kosovo sei das Herz Serbiens und man werde ihn nie aufgeben, wurde mir immer wieder versichert. Ein gut zwanzig Jahre alter Mann hat sogar betont, er habe eine AK 47 zuhause und würde gerne in den Kosovo maschieren und das Land zurück holen. Mir fällt dabei die Parole “heim ins Reich” ein. Auch der Besuch bei ICMP vor wenigen Tagen wurde mir wieder in Erinnerung gerufen.

Klar, es handelte sich bei diesen Gesprächen um betrunkenes Gewäsch, das man nicht zu ernst nehmen sollte. Im Alkoholrausch rutscht einen schnell einmal ein radikales Wort aus. Die Konsequenz und die ständige Wiederholung der immer gleichen Parolen und Ankündigungen lassen jedoch den Verdacht aufkommen, dass dahinter System stecken könnte. In gewisser Weise liegt nunmal im Wein die Wahrheit. Vielleicht habe ich aber auch unbewusst gerade die radikalsten Strömungen des serbischen Nationalismus ins Gespräch verwickelt. Die Mehrheit der serbischen Bevölkerung mag gar nicht so extrem geprägt sein. Die Geschichte zeigt aber immer wieder, dass gerade die lauteste Minderheit oft jene Gruppe ist, die die Geschicke einer Gesellschaft prägen.

Ignoriert man jedoch die politische Komponente ist das Festival in Guča eine große Party bei der man in die musikalische Kultur des Balkans eintauchen könnte. Nur schade, dass die politische Komponente angesichts der enormen Präsenz nationaler Symbole kaum zu ignorieren ist. Dass die Grenzen zwischen Folklore, Brauchtum und Nationalismus sehr schmal sind, zeigen in Österreich die Sonnwendfeiern, die oft von politischen rechten Rand mißbraucht werden. In Guča ist die Dimension aber eine andere, denn immerhin pilgern laut Wikipedia jedes Jahr 500.000 Menschen zum größten Trompetenfestival Europas.

Grenzerlebnisse

Als Bürger der Europäischen Union kennt man das eigentlich gar nicht mehr. Alle paar Hundert Kilometer bildet sich eine Autoschlange, ein künstlicher Stau, und man wird kontrolliert. Grenzkontrollen sind in Europa eine Seltenheit geworden.

Lästige Fragen werden gestellt: Was machen Sie hier? Wohin fahren Sie? Haben Sie etwas zu verzollen? Haben Sie eine Versicherung? Wie lange werden Sie bleiben? Und als krönender Abschluss kommt die immer gleiche Aufforderung: “Aufmachen!”

Natürlich passiert das nicht an den vielbefahrenen Urlaubergrenzübergängen. Da fällt ein Campingbus nicht weiter auf. Wenn man aber irgendwo im Hinterland von Serbien nach Bosnien reisen will, dann muss man sich auf eine längere Wartezeit  und eine mehr oder weniger genaue Wagenkontrolle einstellen.

Genug Zeit um sich mit den Grenzern, die meist unterbeschäftigt sind,  zu unterhalten und eine Zigarette zu rauchen, während der Pass und die Fahrzeugnummer mühsam und pflichtbewusst per Hand abgeschrieben werden. Man hört Geschichten über die Familie und die kleine Tochter zuhause, über lange Dienstzeiten und über langweilige Nachtschichten. Es ist schön, wenn man merkt, dass hinter der Uniform auch nur ein Mensch steckt.

Ich werde nie vergessen, als ein Grenzer mir wortlos eine Zigarette anbietet und nach zwei intensiven Zügen mit rauchiger Stimme murmelt: “Its your birthday, eh? Happy birthday.”

Ein weiteres Highlight: An der bulgarisch-rumänischen Grenze wurde ich gefragt: “Entschuldigen sie! Warum haben Sie so schlechtes Auto?” Die Erklärung, dass ich mir kein besseres leisten könne, wollte der Rumäne, der in mir wohl einen reichen Westeuropäer sah, nicht gelten lassen.

Weniger erfreulich aber genauso pflichtbewusst war der Grenzer an der kroatisch-slowenischen Grenze. Ich kann schon verstehen, dass ein Campingbus mit nur einem Fahrer, der noch dazu erklärt er wäre in Bosnien gewesen und hätte nur Campingausrüstung geladen, verdächtig ist. Aber muss man deswegen den ganzen Bus durchwühlen und alle Hohlräume abklopfen?

Eher verstörend war, als mich die serbische Grenzpolizei wieder in den Kosovo geschickt hat. “You know, Kosovo is no country!” erklärte mir der Polizist und verweigerte mir die Einreise. Und als ich just an der kroatisch-montenegrinischen Grenze eine Autopanne hatte, mir war das Kupplungsseil gerissen, wurde ich von den kroatischen Grenzern kurzerhand ins Niemandsland und somit aus ihrem Verantwortungsbereich im wahrsten Sinne des Wortes “abgeschoben”.

Trotz allen Ärgers muss ich festhalten: Ohne diese Grenzerlebnisse wären die Balkanreisen nur das halbe Abenteuer.

Fotocredit: Georg Wallner

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