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Männlich, zwischen 17 und 21 Jahre alt, in Srebrenica gestorben

Manchmal braucht es mehr als nur eine Zahl um die Dimension eines Kriegsverbrechen zu erfassen. Nummern, Wikipedia spricht von rund 8.000 Toten, lassen nur schwer begreifen, worum es beim Massaker von Srebrenica wirklich ging.

Der Besuch von ICMP, der International Commission on missing persons, hat mir ein Gefühl gegeben, das ich von meinem  Gedenkdienst von sechs Jahren kannte. Damals sprach ich mit Überlebenden des Holocausts, diesmal traf ich das Skelett eines jungen Mannes.

Er war wahl zwischen 17 und 21 Jahre alt und ist in Srebrenica gestorben. Heute wäre er nur ein paar Jahre älter als ich. Wer er ist, wissen nichteinmal die Experten der ICMP, die mit Hilfe von Blutproben der Verwandten und Knochenproben der Opfer  herauszufinden versuchen, wer dem Massaker zum Opfer gefallen ist. Bei manchen Opfern sind nämlich auch alle männlichen Verwandten gestorben, eine Identifizierung ist dadurch besonder schwer geworden.

Eine weitere Schwierigkeit beim ICMP. Nachdem Satellitenfotos die Massaker dokumentierten, wurden die Massengräber schleunigst geräumt und auf mehrere Zweit- und Drittgräber aufgeteilt. Das machte die Identifizierung nur noch schwieriger, waren doch die Leichenteile der Opfer nun oft auf mehrere Gräber verteilt. Unser unbekanntes Opfer wurde zum Beispiel im gleichen Grab, aber an vier verschiedenen Stellen gefunden.

Grausige Gedanken gehen einem durch den Kopf, wenn man das Massaker nicht mehr nur an Zahlen, sondern an einzelnen Schicksalen festhalten kann. Gedanken, die es nicht nur für die Beteiligten auf allen Seiten aufzuarbeiten gilt. Auch die internationale Gemeinschaft hat ihre Lehren aus den Ereignissen im Jahr 1995 zu ziehen. Deshalb sollte sich jeder Politiker, der auch nur im entferntesten mit der Thematik zu tun hat, damit auch auseinandersetzen. Dabei meine ich eine Auseinandersetzung, die über die Nutzung billiger Foto-Ops hinausgeht. Eine Auseinandersetzung, die auch unseren Politikern ganz gut tun würde.

Foto: Ingo Suppan

Minister Niebel: Bosnien muss bald auf eigenen Beinen stehen

Bei einem Besuch der Srebrenica-Gedenkstätte traf ich Dirk Niebel (FPD), den deutschen Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Der im eigenen Land umstrittene Minister stellte sich kurz meinen Fragen und betonte dabei die wichtige Rolle der Bundesrepublik in der Entwicklung Bosniens. Mit 100 Millionen Euro pro Jahr leistet Deutschland dabei vor allem einen Beitrag im Bereich der Energie- und Wasserversorgung. So werde mit deutscher Unterstützung etwa in Mostar der erste Windpark der Region gebaut.

Niebel betont, dass Deutschland auch in Zukunft in Bosnien aktiv bleiben wolle, aber die Mittel wohl reduzieren wird: “Bosnien muss einmal auf eigenen Beinen stehen können. Das bedeutet auch, dass früher oder später der Hohe Repräsentant Valentin Inzko abberufen werden sollte. Wir werden aber auch in Zukunft in Bosnien aktiv bleiben. Die Mittel werden jedoch längerfristig reduziert werden. Das ist auch ein Zeichen dafür, dass unsere Arbeit hier erfolgreich ist.”

Neben politischen Gesprächen besuchte der Minister nicht nur die Gedenkstätte, sondern auch ein Jugendzentrum in Srebrenica. Politische Gespräche führte Niebel bei seiner dreitägigen Reise mit dem Staats-Präsidium und dem Hohen Repräsentanten. Es sei dabei vor allem um eine einheitliche Regierung und eine Staatsbildung in Bosnien gegangen, so Niedel.

In Sarajevo steht ein Hofbräuhaus

Etwas versteckt, zwei Straßen von den Touristenströmen entfernt, liegt die Artienbrauerei Sarajevo (sic!) deren Bier „Sarajevsko Pivo“ im ganzen Land bekannt ist. Wie es sich gehört, befindet sich dort auch das Bräustüberl „Sarajevsko Pivnica“, dessen Einrichtung sowohl von österreichischen als auch amerikanischen Bierlokalen inspiriert scheint.

Viele Gäste verirren sich nicht hierher und wenn, dann sind es vor allem ausländische Touristen die sich hier ein kaltes Bier bestellen. Das erkennt man sowohl an der Sprache, die von den Nachbartischen wie das Kauderwelsch von Babylon ins Ohr geht, als auch an den gezückten Kameras, die so schussbereit am Tisch liegen wie im Wilden Westen die Kanonen. Dass sich kein Einheimischer ins Restaurant der Brauerei verirrt mag an der ungünstigen Lage liegen oder am Ramadan, der vielen, auch weniger religiösen Bosniaken, auf Alkohol verzichten lässt. Aber höchstwahrscheinlich liegt es doch an den Preisen. Diese orientieren sich nämlich weniger an Bosnische und mehr an Europäische Standards. Das große Bier kostet mit fünf Mark (2,5 Euro) verhältnismäßig viel und ein Wiener Schnitzel, zwar untypisch für Bosnien aber dafür umso typischer für ein Bräustüberl, kostet gar zwanzig Mark (zehn Euro). Ein Preis den sich wohl kaum ein Einheimischer leisten kann. Deshalb also sprach mich der Kellner sofort auf Englisch an.

Achmed, das tapfere Schneiderlein

“Schneider gibt es nicht mehr viele in Bosnien, die T-Shirts aus China kosten ja nur zwei Mark*”, erklärt mir Achmed, mein Schneider in Tuzla und nimmt Maß an mir. Ich lasse mir einen Anzug nähen. Etwas außergewöhnliches, denn wenn, dann würden seine Kunden höchstens noch Änderungen in Auftrag geben. Davon könne er zwar gut leben, aber erfüllend sei diese Aufgabe nicht.  Deshalb freut er sich immer, wenn er wieder einen aufwendigen Anzug schneidern kann. Er ist einer der letzten selbstständigen Schneider in der Stadt und junge Schneider gibt es kaum. Auch in Bosnien stirbt das alte Handwerk aus, denn alle seine Kollegen seien alte Männer, bedauert er. Lange wird es wohl nicht mehr dauern, bis auch er zu alt wird und die Arbeit aufgeben muss. Zwischen den Sätzen ruft der Mann seiner Frau meine Maße zu, die sie schnell ins Auftragsheft notiert. Zahlen, die ich, dank Kroatisch-Kurs, inzwischen sogar verstehe. An Achmeds Augen erkennt man jedoch, dass er stolz auf seinen Beruf ist. So schnell wird er ihn also nicht aufgeben, trotz der billigen T-Shirts aus China und den anspruchslosen Änderungswünschen.

* Zwei Mark sind ein Euro.

Italien ist überall

Little Italy in New York ist jedem ein Begriff und fast überall auf der Welt findet man italienische Auswanderer. So auch in Tuzla, wo ich durch Zufall über eine Veranstaltung der italienischen Gemeinde gestolpert bin.

Jedes Jahr präsentieren die Italiener in der Innenstadt von Tuzla sich, ihre Kultur und vor allem ihre Küche. Am Anfang war ich skeptisch, denn nicht jedes italienische Restaurant wird auch tatsächlich von einem Italiener geführt. Und die jüngeren der Gemeinde bestanden meinen ersten Sprachtest auch tatsächlich nicht. Sie holten aber sofort Nada (im Hauptbild) um zu beweisen, dass es sich bei der Gruppe tatsächlich um Italiener handelt. Nada ist Malerin und ihre Familie kam schon 1910 aus Italien nach Tuzla um in den Salzbergwerken zu arbeiten.

Sie erzählte, dass sie italienisch nur noch von Zuhause kannte und die Jungen die Sprache nicht mehr beherrschen. Das zeigte  sich auch dadurch, dass sich auch die italienischen Köchinnen untereinander auf bosnisch unterhielten.  Die Kultur habe sich aber trotz offensichtlicher Integration weitgehend erhalten, ist Nada überzeugt. Derzeit würde noch etwa 1000 Italiener in Tuzla wohnen erklärt sie.

Italien ist überall, auch in Bosnien.

Unüberwindbare Differenzen

Meine aktuelle Reise nach Bosnien wird vor allem von politischen Thema überschattet. Die fehlende Regierung nach den Wahlen im Oktober, das geplante Referendum in der Republika Srpska, der darin ausgetragene Konflikt zwischen Dodik und Inzko und der geplante Abzug der EUFOR und der EUPM Ende des Jahres.

Viele Menschen, die ich in Bosnien treffe, sehen besonders im Abzug der internationalen Organisationen ein Problem. “Es ist zu früh” ist der allgemeine Tenor während Dirk Dhulst, Anti-Korruptions-Experte der EUPM, aber betont, dass die Internationalen Organisationen nicht für immer in Bosnien bleiben können.

Damit hat er wohl recht. Bosnien und Herzegowina muss lernen auf eigenen Beinen zu stehen. Aber das ist ein langer Prozess. Valentin Inzko hat mir in einem Interview einmal gesagt, das OHR und die anderen internationalen Organisationen seien wie Krücken die dem verletzten Land Bosnien wieder helfen gehen zu lernen. Aber irgendwann müsse man die Krücken entfernen, sonst kann die Verletzung nie ausheilen.

Um bei diesem Gedankengang zu bleiben: Die Krücken frühzeitig zu entfernen führt aber nur zu einer erneuten Verletzung oder zumindest du einem viel mühsameren Heilungsprozess. Es gilt hier den richtigen Zeitpunkt zu finden.

Berade die aktuellste politische Entwicklung, die Unabhängigkeitsbestrebungen der Serben und die daraus resultierende politische Blockade der Reformen, ohne die das Land nicht funktionsfähig wird, zeigen, dass Bosnien wohl noch nicht soweit ist, auf eigenen Beinen zu stehen. Das aus dem Mund eines Westeuropäers zu hören mag überheblich klingen, aber von einem Abzug der internationalen Organisationen profitiert wahrscheinlich niemand. Nicht Bosnien und Herzegowina und auch nicht die Europäische Union. Die Union, als dominierende Macht am Kontinent, kann es sich nicht leisten, eine instabile Region im Herzen Europas zu haben. Und darauf läuft es aber leider hinaus. Ohne den Kitt der internationalen Organisationen könnte Bosnien wieder auseinander fallen. Dass dies nicht ohne Gewalt passieren wird, liegt leider auf der Hand.

(Beim Bild handelt es sich diesmal nicht um eine Zerstörung aus dem letzten Krieg. Es zeigt die Brücke bei Jablanica. Sie wurde in einer Schlacht im Zweites Weltkrieg von Tito zerstört. Die Zerstörung der Brücke war, so die offizielle Lesart, wesentlicher Teil einer Finte Titos um seine Truppen und das Feldlazerett vor der Zerstörung durch die Wehrmacht zu retten.)

Sarajevo: Bosnier protestieren weiter vor österreichischer Botschaft

Zwei Tage nach der Verhaftung von General Jovan Divjak in Wien dauern die antiösterreichischen Proteste in Sarajevo weiter an. Heute haben sich deutlich mehr Demonstranten in Zentrum von Sarajevo eingefunden als noch gestern. Auch die Demonstrationsroute hat sich verändert. Wie am Vortag startete man vor der österreichischen Botschaft und marschierte Richtung Präsidentenpalast. Bevor die Demonstration jedoch bei der serbischen Botschaft ankam, stattete die wütende Menge noch dem Parlament und dem Amtssitz des Hohen Repräsentanten Valentin Inzko einen Besuch ab. Die Proteste verliefen ruhig, lediglich einige Schneebälle flogen auf die Polizei als diese wieder den Zugang zur serbischen Botschaft absperrte. Polizeiangaben zufolge nahmen deutlich mehr als 500 Menschen an der Demonstration teil. Sie sangen mehrmals die bosnische Nationalhymne und skandierten vor allem vor der österreichischen Botschaft gegen Österreich.

Vor zwei Tagen wurde General Jovan Divjak, ein ethnischer Serbe, der jedoch im Bosnienkrieg auf der bosnischen Seite kämpfte, in Wien verhaftet. Grundlage für die Verhaftung war ein serbsicher Haftbefehl der über Interpol übermittelt wurde. Die Serben werfen Divjak Kriegsverbrechen vor. Viele Bosnier in Sarajevo sehen das anders und bezeichnen Divjak als Helden. Dementsprechend empört sind sie über seine Verhaftung.

In der österreichischen Regierung dürfte man sich inzwischen Sorgen um die Reputation des Landes in Bosnien machen. Im Außenministerium hofft man, dass sich die Lage bis Montag beruhigt. Dann wird nämlich Außenminister Michael Spindelegger Bosnien besuchen.

Weitere Proteste vor österreichischer Botschaft

Während die österreichischen Medien kaum über die antiösterreichischen Proteste in Sarajevo berichten, werden die Demonstrationen vor der geschlossenen österreichischen Botschaft fortgesetzt. Die größte Tageszeitung in Bosnien, Dnevni avaz, berichtet in seiner heutigen Ausgabe auf der Titelseite und vier weiteren Seiten von der Verhaftung von General Divjak und die Proteste vor der österreichischen Botschaft.

Zur Erinnerung: General Jovan Divjak wurde vorgestern am Wiener Flughafen wegen eines internationalen Haftbefehls, ausestellt von Serbien, verhaftet. Divjak gilt in Sarajevo als Kriegsheld, in Serbien wird er für Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht.

Ich war eben an der Österreichischen Botschaft und habe dort obligatorisch geklingelt um auch die österreichische Sicht der Dinge zu erfahren. Da die Botschaft aber erst am Montag wieder aufsperrt, war dieses Anliegen natürlich erfolglos. Die Polizeipräsenz wurde im Vergleich zu gestern deutlich verstärkt. Befand sich gestern um zehn Uhr, also drei Stunden vor Protestbeginn, nur ein Polizist vor der Botschaft, waren es heute um die selbe Uhrzeit bereits zehn. Weitere Polizistengruppen fand ich wenige Häuser weiter wartend.

Vielleicht werden durch das Wochenende heute mehr Demonstranten zur österreichischen Botschaft pilgern.

Polizist: “Diese Verhaftung ist doch nur politisch”

Nach der Demonstration traf ich zufällig Polizisten die zuvor die Demonstranten begleitet haben. Bei einem schnellen Kaffee beginnen die Polizisten mit mir über die Demonstration zu diskutieren. “Diese Verhaftung ist doch nur politisch,” erklärt einer und will nicht verstehen, warum General Divjak verhaftet wurde. Es würde ohnehin nicht um Verbrechen gehen, sondern nur um eine politische Botschaft, kritisiert er.

Auf meine Bemerkung, dass wenn er tatsächlich Kriegsverbrechen begangen hat, dies verfolgt werden müsse, wiegelt der Polizist ab. Er glaube nicht, dass Divjak Kriegsverbrechen begangen haben. Er habe nur die reguläre Armee bekämpft.

Was stimmt kann ich aus meiner Position natürlich nicht feststellen. Klar ist jedoch, Divjak scheint auch unter den Polizeikräften Sympathisanten zu haben.

In Sarajevo wird gegen Österreich demonstriert

Wie angekündigt habe ich auf der Demonstration gegen die Verhaftung von Jovan Divjak fotografiert und auch einen kleinen (verwackelten) Videoclip gedreht. Es waren etwa 300 Demonstranten die sich vor der Österreichischen Botschaft versammelt haben um danach zum wenige Meter entfernten Amtsitz der bosnischen Präsidenten zu marschieren. Ein Marsch zur serbischen Botschaft wurde von der Polizei verhindert. Das Medieninteresse war enorm, ich habe mindestens fünf Fernsehteams und unzählige Redio, Print und Fotojournalisten gesehen.

Österreich ist für Bosnien ein wichtiges Land. Immerhin kommt der mächtigste Politiker, Valentin Inzko, und ein Viertel der bosnischen Auslandsinvestitionen aus Österreich. Die Proteste verliefen weitgehend friedlich. Nur als die Polizei den Zugang zur serbischen Botschaft versperrte gabe es einige, teils heftige Wortgefechte.

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