In Jajce geht einmal im Jahr ein roter Stern auf. Dann nämlich, wenn sich der Geburtstag Jugoslawiens jährt, treffen sich Jugo-Nostalgiker und schwingen die Fahnen, singen Partisanenlieder und trinken Rakia.
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Kulisse 1: Eine Blasmusikkapelle spielt Trauermärsche bei der Kranzniederlegung.
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Kulisse 2: Ein Chor probt Partisanenlieder im Museum von Jajce.
Ende November erwacht jedes Jahr die verschlafene Kleinstadt Jajce zum Leben. Dann nämlich feiern zahlreiche Nostalgiker die Geburt eines Landes, das schon längst nicht mehr existiert. Am 29. November 1943 wurde nämlich in Jajce die rechtliche Grundlage für das alte Jugoslawien geschaffen. Deshalb gilt auch heute noch Jajce als Geburtsort Jugoslawiens. Im Zentrum dieses historischen Ereignisses konnte damals nur eine Person stehen. Josip Broz Tito, der Marschall der die Nazis und ihre Verbündeten am Balkan geschlagen hat und dem in Jajce gegründeten Nationalkomitee vorstand.So verwundert es kaum, wenn sich bei der Gedenkveranstaltung alles um den späteren Diktator Jugoslawiens drehte. Er war nicht nur ein blutiger Diktator, sondern auch die Integrationsfigur, die Jugoslawien Jahrzehnte lang zusammengehalten hatte. Was nach ihm kam, kann man getrost als Katastrophe bezeichnen. Blutige Kriege, ethnische Säuberungen und Konflikte die heute noch nicht gelöst wurden.
Schnaps aus Limonadenflaschen
Grund genug für rund 150 Jugoslawien-Nostalgiker, sich in Jajce zu treffen, um noch einmal in Erinnerungen an eine vermeintlich bessere Zeit zu schwelgen. Und begeistert ihre jugoslawischen Uniformen auszupacken. Chöre geben alte Partisanenlieder zum Besten. Am Straßenrand verkaufen fliegende Händler handbemalte Limonadenflaschen, gefüllt mit Schnaps und Zeitungsjungen verteilen die aktuellste Ausgabe von Stvarnost, das Parteiblatt der „Kommunisten Jugoslawiens und Serbiens“.
Delegationen aus allen Teilstaaten Jugoslawiens nehmen an der Veranstaltung teil. Die mit Abstand größte Delegation stellen aber überraschend die Slowenen. Waren sie doch die erste Nation die sich unabhängig erklärt hat. Ein ganzer Reisebus und eine uniformierte Flaggendelegation hat den Weg nach Jajce geschafft.
Sonntagsreden und Jugo-Nostalgie
Bei der Kranzniederlegung schwingen vor allem linke Politiker Sonntagsreden von der guten alten Zeit und eine Blasmusikkapelle spielt, mehr schlecht als recht, Trauermärche. Aber nicht nur alte Menschen und Nostalgiker haben den beschwerlichen Weg über die von Schlaglöchern durchsiebten Bergstraßen nach Jajce geschafft um Loblieder auf die Vergangenheit zu singen. Auch eine Gruppe Pfadfinder aus Sarajevo und mehrere Jugendchore haben sich unter die Festgäste gemischt. Jugendliche, die selbst nie in Jugoslawien gelebt haben.
Sie kennen nur die Folgen des jugoslawischen Zusammenbruchs. Entweder eine Kindheit im Krieg oder auf der Flucht, als Ausländer gebrandmarkt, in Deutschland oder Österreich. Für diese Jugendlichen hat diese Veranstaltung vor allem eine historische und vor allem antifaschistische Komponente.
Auch das Museum von Jajce ist ganz dem jugoslawischen Erbe gewidmet. An der Wand steht geschrieben: „Lange leben unsere Verbündeten England, die Sovietunion und Amerika.“ Gezeigt werden vor allem Orden und Münzen von der Jugoslawien-Konferenz 1943.
Nach wenigen Stunden ist der Spuk um Jugoslawien vorbei. Die kleine Bühne wird abgebaut und die Bürger von Jajce können sich wieder den alltäglichen Sorgen im noch jungen Staat Bosnien und Herzegowina widmen. Ein paar jugendlichen Störenfrieden den den über die Touristen schimpfenden alten Männern der Kleinstadt nach zu schließen, ist ihnen das auch gar nicht so unrecht. Denn Jugoslawien ist heute nur noch ein Stück Nostalgie, das von einigen wenigen Träumern hochgehalten wird.
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