Wir sollten nicht so überheblich sein – meine Gedanken zum US-Wahltag

In den USA ist die Wahl geschlagen und die Welt scheint mit einem richtigen Kater aufgewacht zu sein. Einige private Gedanken zum historischen Ereignis.

“Now we have the salad.” Schöner als in diesem tiefsten Denglisch kann man es nach der Trump-Wahl einfach nicht sagen. Mit Trump hat also ein politischer Rüpel gewonnen. Aber was können wir Europäer eigentlich von diesem Wahl-Debakel lernen?

Ich habe heute mit vielen Leuten über das amerikanische Wahlergebnis gesprochen und schon davor viel über die Wahlentwicklungen der vergangenen Monate und Jahre nachgedacht. Eingeflossen ist das in meine Nachwahl-Analyse für die „Steirische Wirtschaft“. (Link folgt am Freitag, wenn die Zeitung erscheint.) Einige meiner persönlichen Gedanken und meine private Meinung möchte ich aber auch hier mit euch teilen.

Trump ist ein Populist europäischen Stils

Bei meiner zentralen Erkenntnis dieser und bei der noch nicht so lange vergangenen Brexit-Entscheidung will ich es mit dem Politologen Reinhard Heinisch von der Uni Salzburg halten. Er erklärte mir heute, wir Europäer sollten gar nicht glauben überheblich zu sein und spottend auf die Amerikaner zeigen zu können. Denn im Grunde – und damit scheint er tatsächlich recht zu haben – ist Donald Trump nichts anderes als ein Populist europäischen Stils. Das glaubt ihr nicht? Dann schaut euch einmal das Verhalten Silvio Berlusconis an. Lauscht den Reden von Geert Wilders, Marine Le Pen, Frauke Petry, Nigel Farage, Viktor Orban, Recep Tayyip Erdogan, Norbert Hofer oder Heinz Christian Strache. So groß sind die Unterschiede nicht und wir erleben in Europa seit Jahrzehnten diese Art von Politikern. Zwar scheint Donald Trump das Spiel perfektioniert zu haben und der USA-Experte Josef Mantl hat natürlich recht, wenn er mir heute erzählt, dass die europäischen Populisten wie Schulbuben neben Trump wirken. Aber gelernt hat Trump seine politische Strategie wohl in Europa und hier gilt das Ricola-Prinzip: „Wer hat’s erfunden?“

Spott hilft uns nicht weiter

Und das führt mich zu meiner nächsten Erkenntnis. Auch die Reaktion der Demokraten auf Trump erscheint mir nämlich eine typisch europäische Antwort zu sein. Trumps Ambitionen wurden von Anfang an nicht ernst genommen. Seine Unterstützer und Fans wurden lächerlich gemacht und verspottet. Und als es zu spät war, ihm ernsthaft entgegenzutreten, reagierte man panisch und verteufelte und dämonisierte ihn. Doch die Hauptzielscheibe waren seine Unterstützer. Hillary Clinton bezeichnete sie einmal als die „Bedauernswerten“. Ich glaube, das war einer der Schlüsselmomente, mit denen sie den Wahlkampf endgültig verloren hat. Denn das hat nur eine Reaktion ausgelöst: Trotz. Wenn jemand beleidigt wird, dann hat er im Grunde zwei Möglichkeiten zu reagieren: Entweder er schämt sich und zieht sich zurück, er behält seine Meinung, gibt sie unbeobachtet in der Wahlurne ab und bekennt sich nicht öffentlich dazu. Das würde auch die katastrophalen Fehlinterpretationen der Meinungsumfragen erklären – in Österreich nennen wir das „FPÖ-Effekt“. Oder er wird wütend und bringt sich in Rage. Letzteres ist bei den Trump-Unterstützern sehr deutlich passiert. Und Ähnliches erleben wir doch auch in Europa. Wie werden die verschmähten und verspotteten Wähler reagieren, wenn sie ob ihrer Rechtschreibfehler ausgelacht werden? Wenn man Einstein-Zitate wie „Die Herrschaft der Dummen ist unüberwindlich, weil es so viele sind und ihre Stimmen zählen genau wie unsere“ postet? Genau, sie scharen sich zusammen, stärken ihren eigenen Zusammenhalt und verschließen sich jeder vernünftigen Argumentation und Überzeugungsarbeit. Das gelingt ihnen dank Social Media heute viel besser als noch vor 20 Jahren. Damals hat sich dieser Frust vielleicht in den Leserbriefspalten der Kronenzeitung widergespiegelt. Die hat man gelesen und man wusste, woran man war. Heute befinden wir uns in der Filterblase, die uns suggeriert, dass ohnehin alle unserer Meinung sind und unsere Standpunkte noch verstärkt. Das mag uns gut tun, aber genau in der gleichen Blase stecken auch „die Anderen“. Auch die fühlen sich in ihrer Meinung bestärkt und dann heißt es „die Bedauernswerten“ gegen die selbsternannte arrogante „Elite“, das Establishment, wenn man so will. Oder: egal auf welcher Seite der Blasenwand – es geht um die „Dummen“ gegen „uns“. Und seien wir uns ehrlich, jedem von uns ist klar, zu welcher Gruppe er gehört. Und es muss klar sein, dass wenn wir ernsthaft in einer Demokratie leben wollen, wir aus unserer Blase ausbrechen und die Situation mit Überzeugungsarbeit auf Augenhöhe ändern müssen. Spott und Hohn wird da niemanden weiterbringen.

Arbeiter wählen plötzlich konservativ

Bemerkenswert ist übrigens auch – wie Heinisch erklärt – dass es diesmal die Rechten sind, die sich der „Bedauernswerten“ annehmen und ihnen ein Zuhause geben. Eigentlich sind es doch historisch gesehen die Linken, die sich gegen das Establishment stellen sollten und vor der Tea Party waren die amerikanischen Rechtsextremen völlig unorganisiert. Bis vor ein paar Jahren waren die Rechten ja noch das Establishment, nicht nur in den USA, sondern auch in Europa. An den Ivy League-Schulen sind die Demokraten deutlich in der Minderheit. Ein steirischer Unternehmer griff das heute sehr gut in einem Gespräch auf: „Es ist paradox. Die Arbeiter wählen die Konservativen und die Konservativen stellen sich gegen die Wirtschaft und gegen den Freihandel. Da stimmt doch etwas nicht.“ Und das ist nicht die einzige Grundfeste der Weltpolitik, die heute und in den vergangenen Monaten erschüttert wurde.

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