Unser Zeichen ist rund, rotes Kreuz auf weißem Grund

Auf in den Nachtdienst.

Auf in den Nachtdienst.

Im weltweiten Netz läuft gerade eine internationale Social-Media- und Blog-Parade unter dem Titel #myredcross. Anlass dafür war der 8. Mai, der internationale Rotkreuz-Tag. Für mich Grund genug auch ein paar Zeilen zu verfassen. Dass eine Facebook- oder Twitter-Meldung nicht reichen wird, war von Anfang an klar. Immerhin bin ich seit 2006 beim Roten Kreuz ehrenamtlich tätig und obwohl meine Dienstfrequenz in den vergangenen Jahren abgenommen hat, mit dem Rotkreuz-Gedanken kann ich mich immer noch voll und ganz identifizieren.

50603506 – eigentlich bin ich ja kein großes Talent wenn es darum geht sich Nummern zu merken. Ich kenne keine Telefonnummern mehr. Wenn es um Hausnummern und Adressen geht, muss ich drei Mal nachschauen. Ich kenne weder meine Sozialversicherungsnummer, mein Bankkonto noch die Handynummer meiner Freundin auswendig und bin froh, dass ich mir den Pin meiner Bankomatkarte merken kann. Doch diese eine Nummer – 50603506 – die kenne ich im Schlaf. Es ist meine Dienstnummer beim Roten Kreuz.

In Graz natürlich.

In Graz natürlich.

Jetzt mag so eine Nummer nicht viel aussagen. Trotzdem zeigt sie mir, welch wichtigen Teil das Rote Kreuz in meinem Leben eingenommen hat. Dabei hat alles aus einem Verlegenheit heraus begonnen. Denn im Gegensatz zu den meisten männlichen Freiwilligen war ich weder Zivildiener beim Roten Kreuz noch Bundesheersanitäter. Das wären so die klassischen Freiwilligen-Karrieren. Ich war – obwohl ich aus einer Rot-Kreuz-Familie stammt – als Jugendlicher immer bei der Freiwilligen Feuerwehr. Ich bin noch immer bei der Feuerwehr und wenn ich zufällig Zuhause in Salzburg bin und die Sirene heult, kann man gar nicht so schnell schauen stehe ich schon im Feuerwehrhaus.

Als mich aber dann mein Studium nach Graz geführt hat stand ich vor einem Dilemma. Damals, man schrieb das Jahr 2005, gab es nämlich in Graz noch keine Freiwillige Feuerwehr. Und so ganz ohne Ehrenamt das Dasein zu fristen, das kam nun wirklich nicht in Frage. So bin ich also als verhinderter Feuerwehrmann, mehr oder weniger freiwillig, beim Grazer Roten Kreuz in der Donnerstag-Nacht-Gruppe gelandet. Und es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

Da ist natürlich einmal die Möglichkeit anderen zu helfen. Nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Fähigkeit bekommt man beim Roten Kreuz. Allein der Gedanke im Notfall zu wissen, was zu tun ist, ist schon viel wert. Dazu kommt das Wissen, mit der eigenen Freizeit etwas sinnvolles anzufangen.

Wenn man einmal so eine Foto-Love-Story zum Geburtstag bekommt, dann ist klar, wo die Prioritäten liegen.

Wenn man einmal so eine Foto-Love-Story zum Geburtstag bekommt, dann ist klar, wo die Prioritäten liegen.

Die Stadt aus einem anderen Blickwinkel
Man lernt außerdem eine Stadt wie Graz durch den Dienst beim Roten Kreuz ganz anders kennen. Immerhin bin ich gerade erst an die Murmetropole gezogen. Gerade für mich als Journalist war das ein unheimlich gutes Training. Nicht nur weil man sich oft mit wildfremden Patienten unterhalten muss und man dadurch fast automatisch ein Interviewtraining bekommt. Auch der Blick über den Tellerrand hat mir für meinen Beruf wahnsinnig geholfen. Welcher Student bewegt sich schon regelmäßig in allen sozialen Schichten, von der Messie-Wohnung bis zur Ruckerlberg-Villa. Wer kann sich schon mit Menschen aus allen möglichen Hintergründen, von der Opernsängerin bis zum Asylwerber der morgen abgeschoben wird, unterhalten? Ein Sanitäter, ob freiwillig, Zivildiener oder hauptberuflich, macht das, als ob es selbstverständlich wäre.

Aber auch sonst lernt man eine Stadt als Rotkreuz-Sanitäter mit ganz anderen Augen zu sehen. Erstens, weil das geschulte Auge eine Notsituation viel schneller erkennt als ein Laie. Kann man sich das vorstellen? Bevor ich beim Roten Kreuz angefangen habe, hatte ich noch nie den Notruf gewählt. Inzwischen kommt das sicher alle paar Monate vor. Nicht dass ich das Unglück magisch anziehen würde, aber es fällt einem viel schneller auf. Da kollabiert einmal eine Person in der Straßenbahn, oder da liegt eine Alkoholleiche herum oder wenn es ein Kind ist, das einfach gegen eine Straßenlaterne rennt, man sieht die Dinge anders und weiß sie schneller einzuordnen. Und zweitens. An jeder Straßenecke ist eine Geschichte die man im Rettungsdienst erlebt hat. Und so wurde Graz, eine zu Beginn mir fremde Stadt, mit jedem Nachtdienst ein Stückchen mehr zu meiner Stadt.

Für zwölf Stunden mein Zuhause.

Für zwölf Stunden mein Zuhause.

Hauptbenefit Freundschaften
Und als I-Tüpfelchen oben drauf kommen noch die ganzen Freundschaften, die durch das Rote Kreuz entstanden sind.Was sag ich da Goodiebag, eigentlich ist das, bei aller Liebe zum Menschen, der Hauptbenefit meiner Rotkreuz-Karriere. Da muss man verstehen, dass das Rote Kreuz in Graz etwas anders ist als in anderen Teilen Österreichs. Wir sind eine sehr studentisch geprägte Stadt. Das zeigt sich auch bei den rund 1000 Rotkreuz-Freiwilligen. Die Fluktuation ist studienbedingt relativ hoch. Studenten schließen ja früher oder später hoffentlich ein Studium ab und verlassen dadurch irgendwann die Stadt. So bin ich mit meinen mittlerweile acht Dienstjahren eher ein Oldie in der Dienstgruppe. Doch gerade das macht die Sache so spannend. Diese jugendliche Energie im Dienstbetrieb schafft eine ganz eigene Stimmung die ich nicht missen möchte. Besonders die Vielfalt der Meinungen innerhalb unserer Dienstgruppe und die zahlreichen verschiedenen Hintergründe haben dazu geführt, dass ich Menschen zu meinen Freunden zähle, die ich sonst nie kennen gelernt hätte. Nicht über das Studium, nicht über die ähnliche Meinung oder über das ähnliche Umfeld. Auch die Internationalität die ich beim Roten Kreuz erfahre ist spannend. Auf die Schnelle fallen mir neben Österreichern noch Deutsche, Perser, Polen, Italiener, Russen, Türken und sogar ein Mongole ein, der beim Roten Kreuz in Graz Dienst versehen. Bei allen Unterschieden haben wir nämlich eine Gemeinsamkeit. Wir setzen uns am Donnerstag in der Nacht für zwölf Stunden in ein Auto und fahren, manchmal mit Blaulicht, durch die Stadt, helfen Menschen und verbringen einfach eine tolle Zeit miteinander.

Uns alle verbinden auch die Rotkreuz-Grundsätze. Zur Erinnerung: Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Neutralität, Unabhängigkeit, Freiwilligkeit, Einheit und Universalität. Quasi eines der ältesten Leitbilder der Welt. Und gerade wenn diese Grundsätze wanken, etwa wegen politischer Querschüsse aus Interessensvertretungen oder wegen „innenpolitischer“ Probleme innerhalb der Organisation, und die gibt es in jeder großen Organisation in regelmäßigen Abständen, sollten wir uns diese Grundsätze in Erinnerung rufen. Sie sind die Basis für unsere Arbeit.

Zwar hat meine Dienstfrequenz aus beruflichen Gründen deutlich abgenommen. Aber trotzdem freue ich mich auf jeden Dienst in dem ich meine Dienstnummer in das Display des Datenterminals drücke und im Protokoll vermerke. Ja ich mache so gern Dienst, dass ich sogar manchmal die Dienstnummern meiner Kollegen im Kopf behalte. Etwas was ich von den Schrankencodes in den verschiedenen Krankenhäusern leider nicht behaupten kann.

PS: Zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, dass ich kein Foto von mir in Uniform habe. Sollte noch eines Auftauchen werde ich es natürlich posten.

Fotos: Markus Karlseder und Ruth Herrgesell

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