Bosnien ist nicht Ukraine

Im Grunde ist Sarajevo nach dem Bürgerkrieg eine friedliche Stadt geworden. Doch vergangene Woche sind Demonstrationen dramatisch eskaliert.

Bosnien und Herzegowina liegt mir sehr am Herzen. Nicht nur weil ich insgesamt ein Jahr am Balkan und einen Großteil davon in Bosnien verbracht habe.  Für einen Insider wenig überraschend ist es vergangene Woche zu schweren Ausschreitungen im ganzen Land, vor allem aber im bosniakisch/kroatischen Teilstaat, gekommen. Hunderte wurden verletzt, zahlreiche Regierungsgebäude brannten und zum Glück ich niemand gestorben. Dass dabei die Proteste fast genau auf den 30. Jahrestag der Eröffnung der Winterspiele in Sarajevo fielen ist nur eine besonders tragische Symbolik, da man sich damals wohl nicht vorstellen konnte, dass die Stadt einen Bürgerkrieg oder nur solche Proteste wie jene der vergangenen Woche durchleben könnte. Sensibilisiert durch die aktuelle Lage in der Ukraine hat man auch in Bosnien sehr schnell Parallelen gezogen. Doch Bosnien ist nicht die Ukraine. Es gibt viele Gründe warum der Protest in Bosnien nicht so enden wird, wie jener in der Ukraine.

Die wirtschaftliche aber auch die politische Lage im Land ist aber katastrophal. Die Arbeitslosigkeit und damit die Unzufriedenheit ist so hoch, dass selbst die stärksten Patrioten nicht mehr wirklich an eine Zukunft des Landes glauben. Das zeigt sich auch im Kaufverhalten. In Österreich, wie in allen westlichen Ländern, herrscht ein großer Regalpatriotismus. Doch in Bosnien versucht man oft bosnische Produkte zu meiden, so gering ist das Vertrauen in die eigene Wirtschaft.  Das wird sich mittelfristig auch nicht ändern. Denn ausländische Investitionen fehlen. Das liegt auch am politischen System, das mit besonders vielen Machtebenen einen ethnischen Proporz erzeugen will und als besonders korrupt gilt.

Trotzdem, die Proteste in Bosnien kann man mit der Ukraine nicht zu vergleichen. Es gibt weder ein klares Feindbild, damit meine ich eine Person mit deren Rücktritt man einen Erfolg feiern könnte, noch eine Alternative zur EU. Auch die politische Elite in Bosnien ist nicht so gefestigt wie in der Ukraine. Ein gewalttätiger Protest wie in der Ukraine würde in Bosnien sehr schnell einen Umsturz erzeugen. Das bestätigte mir auch Florian Bieber, Professor für Südosteuropastudien an der Universität Graz. Inwiefern Neuwahlen die Massen beruhigen können, wage ich zu bezweifeln. Erstens sind ohnehin im Oktober Wahlen geplant, zweitens gibt es keine Alternativen. Die gesamte politische Kaste gilt als korrupt. Ob nun Hinz oder Kunz an der Macht sind ändert dabei nicht viel. Es braucht einen echten Kulturwechsel und gerade dabei könnte Serbien ein Vorbild sein.

Dort fährt man in letzter Zeit einen pragmatischeren Kurs und scheint damit etwas erfolgreicher zu sein. Die Politiker schein, trotz fragwürdiger Vergangenheit, erkannt zu haben, dass man mit ideologischer Engstirnigkeit und dummen Ethnonationalismus nicht weiter kommt.

In Bosnien hingegen versuchen nun nationalistische Politiker wieder billiges Kleingeld aus den Ausschreitungen zu schlagen. Dodik, der Präsident im serbischen Teilstaat, fordert einmal mehr die Auflösung Bosniens. Ein unrealistischer Weg, selbst wenn er es tausend Mal fordert. Er kann aber auch schwer aus seiner Haut. Auch er muss im Herbst Wahlen schlagen und mit populistischen und nationalistischen Tönen, hofft er das Ruder noch einmal an sich zu reissen. Dass er die Unterstützung des großen Bruders Serbiens derzeit eher verliert, kümmert ihn dabei nicht.

30 Jahre nach den olympischen Winterspielen in Sarajevo liegen die Sportanlagen in Trümmern.

Für die “Steirische Wirtschaft” habe ich mit Florian Bieber über die aktuelle Lage in Bosnien gesprochen. Das Interview war weit intensiver als ich es in der “Steirischen Wirtschaft” abdecken konnte. Deshalb habe ich mit Herrn Bieber vereinbart, das Interview ungeschnitten online zu stellen.

Dazu möchte ich aber noch ein paar erklärende Worte verlieren. Ursprünglich war nicht geplant das Interview in voller Länge zu veröffentlichen. Das heißt, dass ich das Interview als Printjournalist  und als Hintergrundgespräch geführt habe. Folglich ist die Gesprächsführung nicht so sauber, wie man es vielleicht aus dem Radio gewohnt ist. Die Aufnahme zeigt jedoch, wie ich für gewöhnlich meine Hintergrundgespräche führe. Wir springen thematisch etwas herum. Es gab keinen Fragenkatalog. Die Fragen sind defacto aus dem Gespräch heraus entstanden. Dementsprechend unterbreche ich Herrn Bieber auch manchmal. Ich arbeite mit Florian Bieber schon länger zusammen und habe schon zahlreiche Interviews mit ihm geführt. Deshalb dutzen wir uns auch. Manche Passagen, etwa jene zu Serbien am Ende des Interviews setzen etwas Vorwissen (Politikernamen und Zuordnung von Lagern) voraus. Aber auch ohne Vorwissen liefert Bieber einen sehr guten Einblick, worum es in Bosnien eigentlich geht. Hört euch das an, es zahlt sich aus.

 

 

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