
Dass bei meinem Besuch in Bihac der erste Tag des Ramadan war, habe ich natürlich nicht bedacht. Als guter Gast halte ich mich aber natürlich an die Regeln des Hauses meiner Couchsurfer. Rufad ist Moslem, Lesia seine Frau aus der Ukraine ist zwar katholisch, will aber zum ersten Mal den Ramadan auch einhalten. Ramadan, das bedeutet, dass bis zum Sonnenuntergang nichts gegessen und getrunken wird. Wasser will ich mir aber als unvorbereiteter Anfänger und aufgrund der Hitze gestatten. Hier gehe es vor allem um Disziplin erklärt Lesia.
Während Lesia arbeitet, ist Rufad, ein Judo-Trainer, auf der Suche nach einem Job und kann deshalb etwas Zeit mit mir verbringen. Zeit die, wer mich kennt wird sich nicht wundern, schnell für politische Diskussionen und bohrende Fragen genutzt wird.
Wenn Rufad von früher erzählt verändert sich seine Stimme. Natürlich sei er Freiwilliger in der bosnischen Armee gewesen. Der Aufklärer, der zum Schluss den Rang eines Hauptmanns bekleidete, erzählte, dass er sich zuerst weigerte die Waffe in die Hand zunehmen. Da er aber aus einer bosniakischen Stadt auf serbischen Gebiet stammt, sei er ohnehin vertrieben worden und in ein Konzentrationslager gesperrt worden. Als er freigelassen wurde, sei er mit seinen Brüdern sofort zur Armee gegangen.
Trotz der freiwilligen Teilnahme an den Kämpfen, über den Krieg verliert Rufad kein gutes Wort. „Der Krieg verändert den Menschen und man tut Dinge, die man im normalen Leben nie tun würde,“ erklärt er. Auf die Frage, ob er heute noch mit Serben reden könne, wo sie doch der Feind gewesen seien, hat Rufad sehr schnell eine Antwort: „Natürlich, selbst wenn ein Serbe in mein Haus ziehen würde, hätte ich kein Problem damit. Nach dem Krieg habe ich mich wieder mit alten Freunden aus meiner Heimatstadt, die auf der serbischen Seite gekämpft haben, getroffen.“ Einen ehrlichen Kämpfer und Soldaten wolle er nicht verurteilen, es seien die Politiker und hohen Offizieren die man an den Pranger stellen müsse. Immerhin habe es auf allen Seiten, auch der seinen, schreckliche Kriegsverbrechen gegeben.
Neue Abspaltungstendenzen im serbischen Teil des Landes sieht er aber gelassen. „Sie haben schon so viele Möglichkeiten ausgelassen sich abzuspalten,“ deswegen ist sich Rufad sicher, dass es auch diesmal nur Kampfrhetorik vor den Wahlen ist. Es sei aber ein Zeichen dafür, dass die politische Krise mit dem Frieden von Dayton nicht vorbei sei. Diese Krise sei erst vorbei, wenn Serbien und Bosnien wieder unter ein Dach, nämlich dem der EU, kommen würde. Dass dies noch seine Zeit braucht, ist er sich bewusst, wichtig sei aber, dass es gleichzeitig passiert. Die schnellere Visabefreiung Serbiens liegt den Bosniaken dabei besonders im Magen: „Was soll das? Serbische Bosnier haben einen serbischen Pass, kroatische Bosnier haben einen kroatischen Pass. Wer bleibt übrig?“
Ich wollte wissen ob es seiner Ansicht nach klug sei, nach wie vor internationale Truppen im Land zu haben. Solange diese Truppen NATO oder EU geführt seien, sei alles in Ordnung. Srebrenica und andere Massaker hätten jedoch gezeigt, dass die Vereinten Nationen nichts zusammenbringen würden, ist der ehemalige Soldat überzeugt. Auch, dass eigentlich wenige Soldaten der EU hier sind, stört ihn nicht: „Wenn etwas passiert wird die NATO schnell neue Truppen schicken.“
Lesia hingegen hat eine andere Sichtweise. Sie kommt aus der Ukraine und betrachtet die Situation in Bosnien aus einer anderen Perspektive: „Die Staatsbürgerschaft und nicht die ethnische Zugehörigkeit sollte im Vordergrund stehen.“ Auch in der Ukraine gäbe es Konflikte mit der russischstämmigen Bevölkerung, aber in erster Linie sehen sich die Russen in der Ukraine auch als Ukrainer.
Beide würden sich mehr Identätsbewussein als Bosnier wünschen. “Wenn die Menschen erkennen könnten, dass Bosnien irgendwann eine Brücke zwischen den Völkern am Balkan sein könnten, dann hat es Bosnien geschafft. Dann könnte Bosnien zu einer Schweiz am Balkan werden,” wünscht sich Rufad.
Fotocredit: Albert Lloreta
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