Archive for August, 2010

Inzkos “Trick” bei der Bosnien-Wahl im Oktober

Beim Kamingespräch mit Valentin Inzko haben sich vor allem Studenten aus Österreich und Slowenien für die Zukunft von Bosnien interessiert. Aber auch eine Studentin aus dem Kosovo, maßgeblich beteiligt an der feurigen Kosovo-Diskussion gestern, meldete sich äußerst konstruktiv zu Wort.

Im Gespräch danach erklärte sie warum es auch wichtig sei sich auch einmal Emotion zu zeigen. Der Krieg ist noch nicht lange vorbei und deswegen sei die Emotionalität beim Thema Kosovo noch sehr hoch, so die 19 Jahre alte Frau.

Valentin Inzko will bei den kommenden Wahlen in Bosnien einen “Trick”, wie er es bezeichnet, anwenden. Er könne zwar das korrupte Parteiensystem in Bosnien nicht verändern, er könne aber sehr wohl die Bevölkerung dafür sensibilisieren die Vorzugsstimmen an “gute” Politiker zu geben. Deswegen arbeitet Inzko mit der Internetcommunity, besonders der Blogosphäre, zusammen, um die kompletten Kandidatenlisten bekannter zu machen. Offensichtlich will sich Inzko dabei der unabhängigsten Plattform bedienen die ihm zur Verfügung steht. Eigenen Angaben zufolge verfolgt auch außerdem die politische Blogosphäre in Bosnien aber auch in Österreich mit großem Interesse.

Alpbach – the place to be in August

Zugegeben, das Wetter in Alpbach ist eine Katastrophe. Vor allem wenn man, so wie ich, auf einem Campingplatz einquartiert ist. Es regnet, es ist kalt (etwa zwei Grad Celsius), aber die Diskussionen, die sind heiß. Besonders spannend und emotional wurden sie, als Ahmet Shala, der Finanzminister des Kosovo am Wort war.

Fast wären sich serbische und kosovarische Studenten an die Gurgel gegangen. Nur das vermittelnde Wort des Ministers konnte nach der Veranstaltung die Situation noch etwas entschärfen.

Das eigentliche Highlight des Forum Alpbach sind jedoch die informellen Kamingespräche. Das sind kurzfristig einberufene, durch Mundpropaganda publik gemachte Treffen. Sie bieten Möglichkeiten die sonst nicht gegeben sind. Wann trifft man schon den russischen Oppositionsführer oder das Oberhaupt des Shaolin Tempel in China und kann im kleinen Rahmen mit diesen Persönlichkeiten diskutieren?

Diese Gespräche machen das Forum Alpbach erst aus. Die klassischen Podiumsdiskussionen im offiziellen Programm sind nur die halbe Miete.

Für mich wird heute vor allem das Kamingespräch mit Valentin Inzko spannend. Nach der heißen Diskussion unter dem Titel “15 Jahre nach Dayton” kann man sich einiges erwarten.

Wie ich arbeite, eine Selbstreflextion.


Reisen, Lesen und Reflexion. Schon der berühmte Journalist und Schriftsteller Ryszard Kapuscinski hat erklärt die Kraft für seine Arbeit aus diesen drei Tätigkeiten zu schöpfen. Dem will ich mich anschließen, obwohl ich seine Argumentation etwas abändere.

Die Reise ist für den Journalisten, was für den Wissenschaftler wohl das Experiment, also die Primärforschung ist. Nur vor Ort lassen sich Eindrücke, Erlebnisse und Informationen erhaschen, ohne Gefahr zu laufen, dass das Geschriebene durch mehr als nur den eigenen Filter gegangen ist. Begiebt sich ein Journalist nicht an den Ort des Geschehens, läuft er zwangsläufig Gefahr nicht mehr der Schöpfer sondern nur noch der Multiplikator von Information zu werden. Doch die grundlegende Aufgabe des Journalisten ist es jedoch Geschichten erst zu entdecken und sich nicht auf das Gebrabbel der PR zu verlassen. Ich wurde letztens über ein soziales Netzwerk gefragt, warum ich denn immer wieder an den selben Ort und die selbe Region zurück kehre. Ganz einfach, mit einer Reise allein ist es nicht getan. Vor kurzem war ich das zweite Mal innerhalb eines Jahres in Srebrenica und es hat sich ausgezahlt, diesen Abstecher zu machen. Ich habe alte Bekannte wieder getroffen, Veränderungen die sich im letzten Jahr ereignet haben registriert und natürlich auch die Kontinuität des Ortes verspürt.

Doch mit der Reise allein ist es nicht getan. Um den Überblick und Hintergrundwissen zu erlangen, führt der Weg an Sekundärliteratur nicht vorbei. Klar, man kann kritsieren, dass so der Journalist erst recht wieder zum Multiplikator und nicht zum Schöpfer seiner Arbeit wird. Das stimmt so jedoch nicht. Auch Wissenschaftler bauen ihre Arbeit auf die Arbeit von Vorgängern auf. Nur so können sie etwas neues erschaffen. Außerdem ist es eine Frage des Stils. Liest ein Journalist nur seine eigenen Texte kommt das einem stilistischen Inzest gleich. Nur durch frische Ideen von Außen kann sich ein Journalist weiter entwickeln.

Bleibt die Reflexion in der kapuscinskischen Aufzählung. Gemeint ist dabei wohl vor allem die Selbstreflexion. Immerhin ist ein Journalist auch ein Dienstleister. Er erzählt Geschichten, transportiert Informationen und erklärt Hintergründe. Der Rückkanal, das vielbeschworene Feedback bleibt aber meistens aus. Eine selbstkritische Reflexion und die Überlegung über die Sinnhaftigkeit und Qualität der eigenen Arbeit bleibt also oft die einzige Möglichkeit sich selbst zu verbessern.

In einer solchen Reflexionsphase ist dieser Texte entstanden. Wo sonst als am Balkan habe ich die nötige Ruhe gefunden um darüber nachzudenken. Eigentlich war der Urlaub mit Freunden auf der kroatischen Insel Lopud, ein kleines Nest, das gerade einmal vier Mal am Tag von einem Postschiff des vorletzten Jahrhunderts versorgt wird, als reine Entspannung geplant, aber wann hört schon ein Journalist auf zu arbeiten.

Das war meine Reise nach Bosnien

Meine Reise ist vorbei und ich bin wieder wohlbehalten in Graz angekommen. Deswegen ist es nun  Zeit ein paar Facts and Figures aufzuzählen und so etwas Bilanz zu ziehen.

1632 Kilometer, 6 Grenzkontrollen, 4 Hitchhiker, 3 Tankstopps, 3 Interviews, 2 Couchsurfing-Hosts, 2 Kisten Bier, 1 Zahnarztbesuch, 1 gezogener Zahn, viele Recherchegespräche, viele geknüpfte Kontakte, unzählige Eindrücke, keine Autopanne, keine Polizeikontrolle.

Aus folgenden Ländern habe ich Menschen kennengelernt: Bosnien und Herzegowina, Serbien, Ukraine, Österreich, USA, Dänemark, Frankreich, Bulgarien, Pakistan, Italien, Spanien, Rumänien und Irland.

In den nächsten Tagen und Wochen werden noch einige kurze Geschichten und wohl auch ein paar Geschichten von der letzten Reise nach Albanien gepostet werden.

Die nächste Reise ist noch nicht geplant, dürfte aber spätestens Ende Oktober anstehen. Der Blick nach Süden macht Spass und deswegen werdet ihr euch schon bald über neue Reiseeindrücke aus Bosnien freuen können. Mehr dazu in den nächsten Wochen.

Irene und Albert – katalanische Couchsurfer

Heute möchte ich euch zwei ganz besondere Reisebegleiter vorstellen. Als ich nämlich in Bihac Station machte, liefen mir zwei ganz besondere Couchsurfer in die Arme.

Albert (22) und Irene (19) aus Barcelona sollten am selben Tag wie ich bei unserem Host Lesia einchecken. Doch sie tauchten nicht auf. Nachdem Lesia per SMS sich erkundigte, ob die beiden noch gedenken aufzukreuzen, kam dann der verzweifelte Anruf.

Die beiden Couchsurfer würden seit Stunden in Plitvicka festsitzen und verzweifelt versuchen per Autostop nach Bihac zu kommen. Eigentlich wollte Lesia gar nicht erst fragen, ich ließ ihr auch nicht die Gelegenheit dazu. Die 30 Minuten Fahrt und die verdutzten Gesichter der Kroatischen und Bosnischen Grenzpolizei waren es es mir wert, die beiden abzuholen.

Albert studiert Journalismus und träumt davon, irgendwann einmal von der journalistischen Arbeit leben zu können. Sein großes Vorbild: Ein 30 Minuten Doku-Format im katalanischen öffentlich-rechtlichen Sender. Seine Freundin Irene studiert “Human Studies” was sie mir als eine Mischung aus Literatur und Soziologie vorstellte.

Sie waren das erste mal in Südosteuropa und dementsprechend fasziniert von der Reise und den Geschichten die dahinter stecken. Da auch sie Richtung Sarajevo unterwegs waren, habe ich sie auch gleich von Bihac mit meiner Green Machine mitgenommen. Besonders gefreut hat mich, dass beide sehr viel über das Land wissen wollten. Das hat sich nicht nur an deren Literatur, sondern auch bei den Fragen die sie an mich richteten gezeigt. Nicht alle konnte ich beantworten. Solche Fragen sind für mich sehr wichtig, weil nur so neue Ideen entstehen können. Albert hat mich, seinem Studium entsprechend über die österreichische Medienlandschaft ausgequetscht.

Wir haben zwei Tage gemeinsam in Sarajevo verbracht. Irene und Albert sind nach Mostar weiter gezogen und mich hat es nach Srebrenica verschlagen.

Wie ihr seht, auch wenn man alleine reist, einsam wird man in den seltensten Fällen. Morgen steht die Reportage über das LOT-Haus in Bratunac an.

Black Hawk over Sarajevo und Ärztin mit Sinn für Abenteuer

Beim Termin mit Generalmajor Bair, dem Kommandanten der EUFOR bin ich über eine Übung der Medevac Mannschaft des Österreichischen Bundesheeres in Camp Butmir – Sarajevo gestolpert. Begleitet von einem Major, ohne Eskorte durfte ich mich in Camp Butmir nicht bewegen, da ist die bulgarische Wachmannschaft streng, blieben wir natürlich sofort stehen. Der Major, ein Medienanalyst aus Niederösterreich, war selbst erst seit einer Woche hier und deswegen war das Ganze für ihn genauso spannend wie für mich. Zumindest zückte er mindestens so begeistert wie ich die Kamera.

Also hatte ich die Möglichkeit den Black Hawk Hubschrauber in Sarajevo näher zu betrachten und bei der Medevac Übung dabei zu sein. Dabei ist folgendes Video entstanden.

Mit dabei: Eine Notärztin aus Salzburg, die schon mit dem Jagdkommando im Tschad war und nun zwischendurch, kurz vor dem Abflug, die Wehwehchen meiner Offizierseskorte behandelt.



Lesia und Rufad – Ukraine trifft Bosnien trifft Österreich

Dass bei meinem Besuch in Bihac der erste Tag des Ramadan war, habe ich natürlich nicht bedacht. Als guter Gast halte ich mich aber natürlich an die Regeln des Hauses meiner Couchsurfer. Rufad ist Moslem, Lesia seine Frau aus der Ukraine ist zwar katholisch, will aber zum ersten Mal den Ramadan auch einhalten. Ramadan, das bedeutet, dass bis zum Sonnenuntergang nichts gegessen und getrunken wird. Wasser will ich mir aber als unvorbereiteter Anfänger und aufgrund der Hitze gestatten. Hier gehe es vor allem um Disziplin erklärt Lesia.

Während Lesia arbeitet, ist Rufad, ein Judo-Trainer, auf der Suche nach einem Job und kann deshalb etwas Zeit mit mir verbringen. Zeit die, wer mich kennt wird sich nicht wundern, schnell für politische Diskussionen und bohrende Fragen genutzt wird.

Wenn Rufad von früher erzählt verändert sich seine Stimme. Natürlich sei er Freiwilliger in der bosnischen Armee gewesen. Der Aufklärer, der zum Schluss den Rang eines Hauptmanns bekleidete, erzählte, dass er sich zuerst weigerte die Waffe in die Hand zunehmen. Da er aber aus einer bosniakischen Stadt auf serbischen Gebiet stammt, sei er ohnehin vertrieben worden und in ein Konzentrationslager gesperrt worden. Als er freigelassen wurde, sei er mit seinen Brüdern sofort zur Armee gegangen.

Trotz der freiwilligen Teilnahme an den Kämpfen, über den Krieg verliert Rufad kein gutes Wort. „Der Krieg verändert den Menschen und man tut Dinge, die man im normalen Leben nie tun würde,“ erklärt er. Auf die Frage, ob er heute noch mit Serben reden könne, wo sie doch der Feind gewesen seien, hat Rufad sehr schnell eine Antwort: „Natürlich, selbst wenn ein Serbe in mein Haus ziehen würde, hätte ich kein Problem damit. Nach dem Krieg habe ich mich wieder mit alten Freunden aus meiner Heimatstadt, die auf der serbischen Seite gekämpft haben, getroffen.“ Einen ehrlichen Kämpfer und Soldaten wolle er nicht verurteilen, es seien die Politiker und hohen Offizieren die man an den Pranger stellen müsse. Immerhin habe es auf allen Seiten, auch der seinen, schreckliche Kriegsverbrechen gegeben.

Neue Abspaltungstendenzen im serbischen Teil des Landes sieht er aber gelassen. „Sie haben schon so viele Möglichkeiten ausgelassen sich abzuspalten,“ deswegen ist sich Rufad sicher, dass es auch diesmal nur Kampfrhetorik vor den Wahlen ist. Es sei aber ein Zeichen dafür, dass die politische Krise mit dem Frieden von Dayton nicht vorbei sei. Diese Krise sei erst vorbei, wenn Serbien und Bosnien wieder unter ein Dach, nämlich dem der EU, kommen würde. Dass dies noch seine Zeit braucht, ist er sich bewusst, wichtig sei aber, dass es gleichzeitig passiert. Die schnellere Visabefreiung Serbiens liegt den Bosniaken dabei besonders im Magen: „Was soll das? Serbische Bosnier haben einen serbischen Pass, kroatische Bosnier haben einen kroatischen Pass. Wer bleibt übrig?“

Ich wollte wissen ob es seiner Ansicht nach klug sei, nach wie vor internationale Truppen im Land zu haben. Solange diese Truppen NATO oder EU geführt seien, sei alles in Ordnung. Srebrenica und andere Massaker hätten jedoch gezeigt, dass die Vereinten Nationen nichts zusammenbringen würden, ist der ehemalige Soldat überzeugt. Auch, dass eigentlich wenige Soldaten der EU hier sind, stört ihn nicht: „Wenn etwas passiert wird die NATO schnell neue Truppen schicken.“

Lesia hingegen hat eine andere Sichtweise. Sie kommt aus der Ukraine und betrachtet die Situation in Bosnien aus einer anderen Perspektive: „Die Staatsbürgerschaft und nicht die ethnische Zugehörigkeit sollte im Vordergrund stehen.“ Auch in der Ukraine gäbe es Konflikte mit der russischstämmigen Bevölkerung, aber in erster Linie sehen sich die Russen in der Ukraine auch als Ukrainer.

Beide würden sich mehr Identätsbewussein als Bosnier wünschen. “Wenn die Menschen erkennen könnten, dass Bosnien irgendwann eine Brücke zwischen den Völkern am Balkan sein könnten, dann hat es Bosnien geschafft. Dann könnte Bosnien zu einer Schweiz am Balkan werden,” wünscht sich Rufad.

Fotocredit: Albert Lloreta

Nicht immer so schön wie im Urlaub

Auf dem Weg nach Bosnien ist mir eines aufgefallen. Je weiter man von der Autobahn und dem Strand weg kommt, also weg von den Touristen, merkt man, dass dieses Land vor nicht allzulanger Zeit noch Krieg geführt hat. Je näher man an die Grenze zu Bosnien kommt, deste eher findet man noch Einschusslöcher in den Häusern. Viele Häuser sind verlassen, wohl weil sie durch die Kriegsschäden unbewohnbar geworden sind.

Ich bin gespannt wie es in Bosnien sein wird. Immerhin fahre ich heute in die Stadt die vielen nur als “Moslemenklave Bihac” bekannt ist. Am Donnerstag schlage ich dann meine Zelte in “belagertes Sarajevo” auf.

On the road again

Es ist Sommer und es wird Zeit wieder ein paar Stempel in meinen Pass zu bekommen. Klar ist dabei, dass es wieder an den Balkan geht. Diesmal steht Bosnien auf dem Programm. Geplant sind unter anderem ein Interview mit General Bair, dem Kommandanten der EUFOR und eine Reportage über das LOT-Haus in Bratunac.

Besonderheit bei dieser Reise: Ich bin alleine unterwegs. Mal schauen wie es mir dabei geht.

Fotocredit: Georg Wallner

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