Der Barbier meines Vertrauens ist 1000 km entfernt. Versteckt im Zentrum der albanischen Stadt Shkodra, nicht weit vom Postamt, gegenüber des Kinema Kaffeehaus, liegt seine Nische in der er einen uralten Barbierstuhl stehen hat. Auf dem Spiegeltisch der wohl nicht viel jünger ist, findet sich das Werkzeug des jungen Mannes. Schere, Messer und eine Haarschneidemaschine die auch schon bessere Tage erlebt hat. Würde man auf westliche Standards beharren, dann würde man seinen Laden niemals betreten.
Einzig die albanischen Tageszeitungen erinnern noch an heimische Frisörerlebnisse. Der Taschenfernseher, der am Spiegeltisch steht, flimmert aber mehr als er ein klares Bild empfängt. Man kann nur erahnen, dass gerade ein Fußballspiel übertragen wird.
300 Lek, umgerechnet 2,18 Euro, zahle ich für die Standardprozedur. Englisch oder gar Deutsch sprich mein unbekannter Barbier nicht. Indem ich mit der Hand über mein lichtes Haupthaar und meinen dichten Vollbart fahre, versuche ich ihm klar zu machen, dass ich das will was ich immer will. Einen Haarschnitt und eine Rasur.
Dass er mich nach einem halben Jahr wieder erkennt, davon bin ich überzeugt. Wir fallen als Westeuropäer auf wie bunte Vögel. Zwar habe ich mich bemüht, trotz Affenhitze habe ich ein langärmeliges Hemd und eine lange Hose angezogen, mein Fotograf Georg hat aber nicht daran gedacht. Kurze Hose und ein T-Shirt, das kann nur ein Ausländer sein.
Deswegen ist es nicht gerade verwunderlich wenn alle paar Minuten Passanten an der zur Straße offenen Barbier-Nische stehen bleiben und uns anstarren: So sieht es also aus, wenn sich ein Ausländer den Bart rasieren lässt. Auch der Nachbar des unbekannten Barbiers, ein Lebensmittelhändler schaut regelmäßig vorbei und beobachtet ungeniert wie das Rasiermesser über meine Wangen streicht.
Mein dichter Bart führt dazu, dass mein Haarkünstler mich ein zweites mal einschäumt und sich noch einmal mit einer frischen Klinge über mich her macht. Das Wasser für den Schaum kommt aus einem Wasserhahn der jeden Augenblick abzubrechen droht. Das Wasser selbst wird auch nicht besonders sauber sein. „Aber was solls,“ denke ich mir, „was einen nicht umbringt, macht einen nur härter.“
Nach einer halben Stunde ist der Spuk vorbei. Ich bin frisch rasiert und meine Haare sind kurz. Mein Barbier betatscht meine Wangen mit einem brennenden Rasierwasser. Als er merkt, dass es schmerzt, weht er mir mit einem Handtuch frische Luft ins Gesicht um die Schmerzen zu lindern. Ich bin zufrieden, ein abgebrochenes Stück Spiegel, das der Barbier hinter mir aufhebt beweist, dass auch bei meinem Hinterkopf alles in Ordnung ist. Das nächste Mal, wenn ich in Shkodra bin, komme ich wieder. Ein Lob für meinen Barbier, wie ich meine, denn welcher Frisör kann schon behaupten einen Stammgast zu haben, der 1000 Kilometer fährt um sich die Haare schneiden zu lassen.
Fotocredits: Michael Neumayr (1), Georg Wallner (2)




ja, wenns so günstig ist, dann zahlt sich die reise schon aus!